Homeoffice: das globale Experiment

07 Apr 2021

Während der Pandemie arbeiten bis zu drei Mal mehr Menschen zu Hause als zuvor. Viele von ihnen wollen nicht mehr zurück oder nur teilweise. Auch die Firmen haben das Homeoffice als Chance erkannt.

«Wenn man im Wort Homeoffice acht Buchstaben verändert, steht da Gin Tonic.» Mit diesem Witz, wirbt zurzeit der Schweizer Coworking-Anbieter Westhive um neue Kunden. Damit spielt das Unternehmen mit einem bekannten Klischee: das Homeoffice als Arbeitsplatz, an dem nicht gearbeitet wird. Doch dieses Vorurteil hat während des vergangenen Jahres viel an Gültigkeit verloren und könnte bald ganz verschwinden.

41 Prozent regelmässig im Homeoffice
Vor Ausbruch der Corona-Pandemie arbeiteten in der Schweiz rund 14 Prozent aller Arbeitnehmenden regelmässig von zu Hause aus. Während des ersten Shutdowns im Frühling 2020 schnellten die Zahlen auf 51 Prozent hoch, wie eine Umfrage vom Forschungsinstitut Sotomo zeigte. Anfang 2021 arbeiteten immer noch 41 Prozent regelmässig im Homeoffice. «Viele Unternehmen stellten dabei fest, dass ihre Mitarbeitenden zu Hause genau so produktiv sind, wie wenn sie im Büro arbeiten», sagt Nicoline Scheidegger. Sie ist Dozentin für Strategie und Leadership. Die sogenannte Arbeitswelt 4.0 sowie Distant Leadership und Führung in Zeiten von New Work gehören zu ihren Forschungsschwerpunkten.

«Die Akzeptanz gegenüber Homeoffice und Remote Work stieg bei vielen Unternehmen enorm.»
— Nicoline Scheidegger, Dozentin für Strategie und Leadership

Das in vielen Ländern verordnete Homeoffice bezeichnet sie als «globales Experiment». Dabei waren die Bedingungen oft alles andere als ideal. Es gab keine freie Wahl, viele Menschen mussten sich nebst der Arbeit um Kinder kümmern oder waren pandemiebedingt mit Verlusten, Leid und Ängsten konfrontiert. Die Pandemie zeige aber, dass Arbeit aus Distanz technologisch möglich ist. «Es gab einen immensen Lernschub durch Corona, der sonst so nie möglich gewesen wäre. Die Akzeptanz gegenüber Homeoffice und Remote Work stieg bei vielen Unternehmen enorm», sagt Scheidegger. Grosse Unternehmen wie Novartis und die Versicherung AXA haben deshalb angekündigt, dass ihre Angestellten auch in Zukunft Arbeitsort- und -zeit weitgehend frei bestimmen können.

Bonus für anfallende Kosten
Einige Unternehmen wollen ihren Angestellten zudem einen Bonus bezahlen, mit dem sie Druckerpatronen oder andere anfallende Kosten berappen können. Denn von vermehrtem Homeoffice profitieren auch die Unternehmen: Sie können Büroflächen reduzieren, ihre Attraktivtät steigern und ihren Personalpool erweitern. Damit beschleunigt sich ein Trend, der bereits vor der Pandemie an Tempo zugenommen hatte: Die Bedeutung des Büros als Arbeitsort nimmt ab.

Arbeiten im Coworking-Space oder im Zimmer nebenan
Auch ein grosser Teil der Angestellten möchte nicht mehr zurück in die alte Normalität, sagt die Arbeits- und Organisationspsychologin Birgit Werkmann-Karcher, Co-Leiterin  des Zentrums für Human Resources & Corporate Learning und Dozentin für Personalpsychologie mit Schwerpunkt Arbeitswelt 4.0. «Verschiedene Befragungen zeigen, dass sehr viele Menschen in Zukunft hybrid arbeiten möchten. Zu einem Teil im Büro und zu einem Teil aus der Distanz.» Ein wichtiger Faktor sei für viele die gesparte Zeit aufgrund der kürzeren Arbeitswege. Statt zu pendeln, gehen die Angestellten um die Ecke in einen Coworking-Space oder ins Zimmer nebenan. Die Menschen können sich die Arbeitszeit freier einteilen und erlangen mehr Selbstbestimmung. «Der Gewinn an Autonomie und Flexibilität ist das grosse Plus», so Werkmann-Karcher.

«Menschen, die remote arbeiten, haben mehr Eigenverantwortung. Es ist deshalb wichtig, dass man die eigenen Bedürfnisse kennt und Grenzen setzt.»
— Birgit Werkmann-Karcher, Co-Leiterin  des Zentrums für Human Resources & Corporate Learning

Doch nicht alle Personen können mit Remote Work gleich gut umgehen. Die Arbeitspsychologie unterscheidet zwei Gruppen: die  Integrierer und die Segmentierer. Die Ersteren trennen nur wenig zwischen Arbeit und Privatem. Segmentierer hingegen möchten die beiden Bereiche möglichst auseinanderhalten. «Wir vermuten, dass es die Segmentierer auch eher wieder ins Büro zieht», sagt Werkmann-Karcher. Eines ist jedoch für alle Angestellten entscheidend: ein gutes Boundary-Management. «Menschen, die remote arbeiten, haben mehr Eigenverantwortung. Es ist deshalb wichtig, dass man die eigenen Bedürfnisse kennt und Grenzen setzt», so Werkmann-Karcher. Denn flexible Arbeitszeiten und digitale Kommunikationsmittel bergen auch Risiken. Plötzlich ist man immer und überall erreichbar. Welches ist die grosse Herausforderung in einer Arbeitswelt, in der sich immer mehr die räumlichen und zeitlichen Grenzen auflösen? Sich selber abzugrenzen, sagt Werkmann-Karcher. «Pausen und Freiräume braucht jeder Mensch. Sonst nehmen die Arbeits- und Lebenszufriedenheit rasch ab.»

Kultur weiterentwickeln
Viele Unternehmen die auf Remote Work umsteigen, haben noch einen weiten Weg vor sich, da sind sich Birgit Werkmann-Karcher und Nicoline Scheidegger einig. Unternehmen müssen dafür ihre Kultur weiterentwickeln, die Mitarbeitenden bei der Umstellung unterstützen und mit geeigneten Arbeitsprozessen experimentieren. Im Bereich Führung bietet sich die Chance, für ein «New Normal» die Rollen und Aufgaben von Führungskräften zu überdenken und weiterzuentwickeln», sagt Scheidegger. Sie hat vergangenes Jahr auch eine Studie zu Führen auf Distanz veröffentlicht. «Unternehmen, die diese Aufgabe bereits vor der Pandemie angepackt hatten, tun sich hierbei leichter.»

«Unboss»-Programm oder «Model–Coach–Care»
Zum Bespiel Novartis mit dem «Unboss»-Programm oder Microsoft mit dem Ansatz von «Model–Coach–Care», bei dem die Rolle einer Führungskraft umrissen wird mit Vorbildsfunktion, Coaching und Fürsorge. Beide gewähren ihren Mitarbeitenden viel Spielraum und Wahlmöglichkeiten in der «Neuen Normalität».  Bei allem Umbruch: Das Büro wird auch in Zukunft existieren. Unternehmen werden sich  jedoch genauer überlegen, für welche Tätigkeiten es einen Mehrwert schafft. Als Ort des Zusammenkommens und kreativen Austauschs beispielsweise. Während das Remote Office ganz der konzentrierten Arbeit dient.

Redaktion: Hochschulmagazin ZHAW-Impact


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