Stark in turbulenter Zeit: Positive Leadership Hacks

09 Nov 2020

Umsatzeinbussen, Ad-hoc-Digitalisierung, Homeoffice oder Kurzarbeit: Die COVID-19-Pandemie konfrontiert Unternehmen mit zahlreichen Veränderungen. Viele Führungskräfte und Mitarbeitende fühlen sich überfordert. Doch auf Dauer sind negative Emotionen kontraproduktiv: Ärger, Frust und Sorgen verengen unsere Denk- und Handlungsspielräume. Positive Empfindungen wie Freude, Interesse oder Dankbarkeit wirken hingegen wie kleine Kraftwerke der Veränderung. Wer sie kultiviert, erweitert die geistige Leistungsfähigkeit und fördert Kreativität – bei sich und den Mitarbeitenden. Positive Emotionen erweitern den Horizont. Das haben die Arbeiten der amerikanischen Emotionsforscherin Barbara Fredrickson gezeigt.

Positive Emotionen kultivieren, den Horizont erweitern
Positiv führen in Zeiten der Krise heisst daher: den Einsatz von Mitarbeitenden und Fortschritte bewusst wahrnehmen, Erfolge wertschätzen und kommunizieren. Zum Beispiel mithilfe eines positiven Wochenrückblicks: Was lief in der abgelaufenen Woche besonders gut? Wie hat jeder Einzelne dazu beigetragen? Das menschliche Gehirn ist biologisch so programmiert, dass es Risiken und Probleme stärker wahrnimmt als Gelegenheiten und Erfolge. Mit einem positiven Tages- oder Wochenrückblick schlagen Sie dem «katastrophisch» veranlagten Hirn ein Schnippchen. Je überraschender, desto wirksamer sind auch kleine Gesten der Wertschätzung oder Belohnung: ein gemeinsames Gin-Tasting per Zoom mit Barmann und vorab verschickten Feel-good-Paketen oder die gemeinsame Lauf-Challenge – Beispiele aus der Praxis.

Stärken stärken, Flow erleben
Können Sie sich in Ihrem Job auf Tätigkeiten fokussieren, die Sie wirklich gut und gerne erledigen? Wenn dem so ist – Glückwunsch! Wenn nicht, dann gehören Sie zu den ca. 70 Prozent der Beschäftigten, die das laut Gallup-Studie selten oder gar nicht erleben. Wenn die Zeit bei der Arbeit verfliegt, wir alles um uns herum vergessen, dann sind wir im Flow. Wir sind motiviert und engagiert. Das geschieht dann, wenn wir über die nötigen Ressourcen zur Erledigung einer Tätigkeit verfügen, unsere Stärken und Kompetenzen einsetzen können. Welche Aktivitäten verleihen Ihnen einen Energieschub? Was sind die Dinge, die Sie besonders schnell begreifen oder abspeichern können? Wann und wo sind Sie in Ihrem Element? Oder: Was steht nie auf Ihrer To-doListe? Dinge, die wir automatisch erledigen, zeugen ebenfalls häufig von Stärken. Erkennen und nutzen Sie Ihre Stärken, um mehr Flow zu erleben. Gleiches gilt für die Belegschaft. Und nicht vergessen: Flexibilität und Autonomie in puncto Arbeitszeit und -organisation begünstigen das Entstehen von Flow.

In menschliche Nähe investieren – trotz physischer Distanz
Menschen sind soziale Tiere. In allen empirischen Studien zum psychologischen Wohlbefinden erweist sich eines als verlässliche Grundlage für unsere Lebensqualität: die Qualität unserer Beziehungen. Erleben wir positive Beziehungen, schüttet unser Körper das Bindungshormon Oxytocin sowie Botenstoffe des Glücks aus. Wir fühlen uns lebendig. Umso mehr macht vielen Menschen die durch Corona erzwungene physische Distanz zu schaffen. Gerade in Krisenzeiten suchen wir intuitiv mehr von dem, was uns derzeit nur eingeschränkt zur Verfügung steht: menschliche Nähe, persönlichen Kontakt. Aktuell fehlen uns der Austausch am Kopierer, der Kaffeepausen- oder Kantinenplausch. Wer in Krisenzeiten positiv führt, kann diesen Mangel kompensieren – zumindest ein Stück weit. Durch gut strukturierte und konstruktiv geleitete virtuelle Meetings, die pünktlich starten und zur vereinbarten Zeit mit einem positiven Rückblick enden. Zusammenhalt trotz Abstand lässt sich auch durch gemeinsame Feierabendbiere, Kaffeepausen, Yogaklassen oder Filmabende per Skype oder Zoom herstellen. Zeigen Sie sich immer wieder als Mensch mit Herausforderungen, Sorgen und Fragen – nicht nur als Chefin oder Chef! Teilen Sie Ihre Gedanken und Fragen, was auch immer Sie beschäftigt. «Sharing is caring.»

Mehr «Know-why» vermitteln
«Wer ein Wofür hat, erträgt jedes Wie.» Ursprünglich stammt dieser Satz von Friedrich Nietzsche. Der Wiener Psychologe und Auschwitz-Überlebende Viktor Frankl hat ihn berühmt gemacht. Wozu machen Sie Ihre Arbeit? Was zählt neben Karriere oder Gehalt? Was haben Ihre Kunden oder Partner von Ihren Produkten oder Dienstleistungen? Wem machen Ihre Angebote das Leben bequemer oder angenehmer? Wer es schafft, seinen Mitarbeitenden neben dem «Knowhow» auch «Know-why» zu vermitteln, kann auch in schwierigen Zeiten motivieren und Engagement fördern. Begründen Sie Entscheidungen, erklären Sie den Mitarbeitenden, womit sie wozu beitragen. Das stärkt die Motivation! Neben Autonomie und Kompetenz ist das Erleben von Sinn ein zentraler Schlüssel für Motivation bei der Arbeit.

Positive Ziele formulieren, Fortschritte zelebrieren
Warum neigen manche Menschen dazu, ständig ihren Rasen zu mähen? Nicht unbedingt, weil sie einen Wimbledon-Rasen wollen. Vielmehr, weil ein frisch gemähter Rasen, Bahn für Bahn, Erfolgserlebnisse beschert. Das Erleben von «Selbstwirksamkeit» ist ein weiteres Rezept positiver Führung in Zeiten der Veränderung. Selbstwirksam bin ich, wenn ich das Gefühl habe, ich kann etwas leisten, Dinge weiterbringen – statt immer nur wie der Hase der Karotte hinterherzuhoppeln, ohne diese jemals zu erreichen. Ob Meilenstein oder Schlusserfolg – machen Sie Fortschritte sichtbar. Für sich selbst und die Belegschaft. Gerade auch für Kollegen der IT- oder HR-Abteilung, deren Beiträge zum Unternehmenserfolg vielleicht weniger direkt sichtbar sind als die Erträge aus dem Vertrieb. Formulieren Sie Ziele, die ambitioniert und trotzdem erreichbar sind. Auch der Blick für Etappensiege stärkt die Selbstwirksamkeit. Zwar spricht nichts gegen sogenannte Everest-Ziele – inspirierende, anspruchsvolle Vorhaben. Ähnlich wie die Sterne, die man vielleicht nie erreicht, aber nach denen man seine Navigation, sein Tun und Handeln ausrichtet. Doch aktuell machen Sie sich und anderen das Leben leichter, wenn Sie Vorgaben machen, die trotz Homeschooling aus dem Homeoffice heraus zu schaffen sind.

Sozialer Anstand – trotz Abstand
Wer jetzt auf Teufel komm raus seine Lieferanten knebelt, wer sich kurzfristig sämtlicher dauerhaften Verpflichtungen entledigt oder diese durch Armdrücken zu seinen Gunsten zurechtbiegt, kann die Ergebnisse fürs nächste Quartal vielleicht kurzfristig verbessern. Doch positive Führung heisst auch: Rücksicht nehmen auf die Menschen und Organisationen, mit denen ich zu tun habe. Womöglich in Vorleistung gehen. «Pay it forward», wie die Amerikaner sagen: in andere investieren und kooperieren, auch wenn sich die Bezahlung einer Leistung womöglich verzögert. Auch und gerade in Zeiten von Krise und Ungewissheit. Natürlich nur so weit, wie es die eigene Situation zulässt. Spätestens seitdem der Psychologe Daniel Kahneman 2002 mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet worden ist, sollte es an der Zeit sein, die alte, kurzfristige Kosten-Nutzen-Orientierung über Bord zu werfen: Menschen, Teams und Organisationen sind keine rationalen Nutzen-Maximierer. Stattdessen bewegen wir uns in einem sich ständig verändernden Netz aus Reziprozitätsverhältnissen. Wie du mir, so ich dir? Zumindest früher oder später. Geben Sie – im Rahmen dessen, was Ihnen möglich ist! Über kurz oder lang wird es sich auszahlen.

Bewusst die Perspektive wechseln
Und wenn allen positiven Führungsvorsätzen zum Trotz auch Sie der Mut einmal verlässt, versuchen Sie es mit einem bewussten Perspektivwechsel. Betrachten Sie verstörende Situationen durch neue «Linsen». Nehmen Sie zum Beispiel eine lange Linse, um sich zu fragen: «Wie werde ich diese Situation in sechs Monaten wahrscheinlich bewerten und warum?» Eine breite Linse, um sich zu fragen: «Was kann ich in dieser Situation lernen? Wie kann ich daran wachsen?» Oder eine umgekehrte Linse in Konfliktsituationen: «Wie würde mein Kontrahent die Situation einem guten Freund beschreiben? Inwieweit mag auch diese Sichtweise richtig sein?» Auch die COVID-19-Pandemie lädt uns zu einem entsprechenden Gedankenexperiment ein. Stellen Sie sich und Ihren Kollegen drei Fragen. Erstens: Gibt es ein mögliches Szenario, bei dem sich Corona eines Tages als eine gute Sache erweisen könnte? Mehr Zeit für die Familie? Eine neue Art zu wirtschaften? Zweitens: Was kann ich bzw. was kann mein Team tun, um dieses Szenario zu verwirklichen? Wie können wir dazu beitragen, Corona zu einer Erfahrung zu machen, die wir alle eines Tages feiern können? Führung neu denken? Weniger Geschäftsreisen? Drittens: Wie könnte unser erster Schritt in diese Richtung aussehen? Allein das Nachdenken über diese Fragen führt uns in einen anderen emotionalen Zustand, einen, der lösungsorientiert ist.


Was verbirgt sich hinter Positiver Psychologie?

Die Positive Psychologie ist die Wissenschaft vom gelingenden Leben. Dazu gehört natürlich auch die Arbeit. Im Kern geht es um die Frage, was gesunde Menschen brauchen, um ihr Potenzial optimal zu entfalten. Dabei geht es beispielsweise um die Ursache und Wirkung von Emotionen, stärkenbasierte Entwicklung, Werte, Beziehungen und Sinn. Unter welchen Bedingungen können Menschen am besten arbeiten? Was motiviert uns im beruflichen Kontext? Und wie können wir Transformationsprozesse so gestalten, dass Führungskräfte und Mitarbeitende den Wandel als Chance und sinnvoll erleben? Das sind typische Fragestellungen, mit denen wir uns als Business Trainer und Berater für Positive Psychologie beschäftigen.


Quelle: «Competence». Das Magazin der ZHAW School of Management and Law


Andere Neuigkeiten